Predigt WonWay 14.06.2014

von / Montag, 16 Juni 2014 / Veröffentlicht inPredigt

                      

                      

                      

                      

                      

                      

                      

                      

„ES IST GENUG FÜR ALLE DA! “-Predigt zu Lukas 12, Verse 13-26

Jesus fordert von uns, nicht habgierig zu sein, uns keine unnötigen Sorgen zu machen, keine übertriebene Vorsorge treiben und allein auf Gott zu vertrauen. Ist das nicht irgendwie weltfremd? Zumindest weit weg von unserer Realität?

Aber ein paar Fragen stellen müssen wir uns schon: Wie leben wir? Wir leben nicht zu sorglos in den Tag hinein? Vorsorge, Sparen, Planen gehören doch dazu. Private Zusatzrente, Altersvorsorge, diverse Versicherungen und Sparpläne sind doch völlig normal, oder?

Und die Habgier? Die meisten von uns sind doch nicht wirklich habgierig, oder? Zumindest wird das keiner von sich selbst sagen. Und doch kennen wir alle die Erfahrung voller Kleiderschränke und überladener Kinderzimmer. Einer meiner Freunde sagte mal zu mir: was man doch so alles innerhalb einer Woche in die Wohnung trägt und wie wenig davon wieder heraus – das ist schon verwunderlich! Bis dann das Alter erreicht ist, wo man beim Geburtstag sagt: Keine Geschenke bitte, ich hab schon alles! Trotzdem bekommt man Geschenke. Oder man kauft sich Dinge, spontan, die man eigentlich gar nicht braucht. Dinge, die die Welt nicht braucht: zum Beispiel: Kräuter-Schere oder Muffin-Waffeleisen… Küchengeräte, man kennt das, die stehen dann rum und werden allenfalls einmal im Jahr rausgeholt. Und davon gibt es noch jede Menge, was so angeboten wird.

Hier auf der Folie zehn ‚Dinge, die die Welt nicht braucht‘: z.B. Bettdecke in Pizza-Form, Erdbeerschneider … Ich hoffe, Ihr habt keines von diesen Dingen zuhause, oder? Und was wäre denn so schlimm daran? Die Wohnung vollgestopft, na und? Das ist doch meine Sache, was für Zeug ich bei mir habe. Wie viel ich bei mir horte. Wenn ich mir das leisten kann und wenn mir das gefällt, dann ist das doch ok! Denkt Ihr so?

Jesus sieht das anders, er warnt uns vor der Habsucht im Vers15: „Der Mensch gewinnt sein Leben nicht aus seinem Besitz, auch wenn der noch so groß ist.“ – „groß“ das Wort bedeutet hier „mehr haben wollen als andere“ „mehr begehren“. Denn dieses immer mehr, immer größer, immer besser haben wollen, hat seine Schattenseiten: Entweder geht es auf Kosten anderer oder auf Kosten der Natur. Denn wo kommt denn das alles her, was wir glauben, unbedingt zu brauchen, zu gebrauchen und zu horten? Irgendwo müssen doch die ganzen Produkte herkommen, produziert werden, Rohstoffe abgebaut werden.

Unser Lebensstil hinterlässt einen riesigen belastenden Fußabdruck auf der Erde. Dick und fett trampeln dadurch auch wir Deutsche durch die Welt. Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, auch wenn wir ganz bewusst drauf achten und sparsam leben: unser Leben, unser Konsum, unser Haben-Wollen hat massive Auswirkungen auf andere Menschen und die Umwelt!

Wir verbrauchen Energie, nicht nur den Strom, der aus der Steckdose kommt; wir brauchen Platz, viel Platz; wir produzieren Treibhausgase und nutzen massenhaft die Rohstoffe, die aus der Erde kommen; wir verbrauchen so viel mehr Natur, als gut ist. Wie lange das noch gut geht, wie viel die Natur noch hergibt, das können wir nur ahnen. Denn davon bekommen wir hier bei uns zuhause nur wenig in unserem Leben mit. Aber andere Menschen bekommen es zu spüren, haut nah!

Nur eine kleine Geschichte, die auf diesen Tuch hier zu sehen ist: Fisch aus dem Victoria-See, Victoria-Barsch: Dieser Fisch hat sich auf Kosten der einheimischen Fischarten ausgebreitet; er ist heute ein beliebter Speisefisch in Europa; die armen Fischer in Afrika exportieren Fischfilets und müssen dann selbst mit Gräten und Fischköpfen auskommen – diese Reste frittieren sie zum Essen für ihre Familien – richtige Fisch können sie sich nicht leisten. Und das alles funktionier nach dem Motto: Das leckere Brot für uns und die Brotkrumen für die restliche Welt. Und über kurz oder lang, haben die einen sehr viel, viel mehr als sie brauchen, und die anderen zu wenig, um zu überleben!

Das ist nur eine kleine Geschichte, wie sich unser eigenes „immer mehr“ auswirken kann. Obwohl wir langsam merken, was für Folgen unser Lebensstil hat, wird uns weiter von der Werbung eingeredet: Kauft immer mehr! Ihr braucht immer mehr! Ihr wollte immer mehr!

Die ganze Wirtschaft hängt davon ab, dass immer mehr konsumiert wird, dass deutsche Produkte gekauft werden. Und wir machen munter mit. Die Konsumfreude ist heute so groß wie noch nie. Die Deutschen kaufen munter, was der Geldbeutel hergibt und darüber hinaus was der Dispo über Schulden noch zusätzlich möglich macht. Da landen dann Röhrenfernseher auf dem Sperrmüll, weil die keiner mehr haben will, nicht mal geschenkt. Kinder und Jugendliche haben heute so viel Geld zum Konsum zur Verfügung wie noch in keiner Generation vor ihnen. Und alle wollen immer noch mehr haben.

Warum? Was treibt uns dazu, Dinge zu kaufen, die wir eigentlich nicht brauchen oder haben wollen? Warum sammeln und horten wir diese Dinge an? Warum machen uns neue Dinge, die wir gekauft haben so viel Freude?

Dahinter stecken tiefe Sehnsüchte, die uns Menschen immer wieder umtreiben und die von der Werbung schamlos angesprochen und ausgenutzt werden. Zwei Sehnsüchte stehen dabei im Vordergrund:
– der Wunsch nach Anerkennung und
– die Sehnsucht nach Sicherheit.

Wenn ich etwas habe, wenn ich etwas vorzeigen kann, dann bin ich wer.  „Haste was, dann biste was“. Kann ich mir was leisten, dann geht’s mir gut. Habe ich die richtigen Dinge, dann gehöre ich dazu. Dann habe ich Sicherheit und Anerkennung. So suggeriert es uns manche Werbung, und so leben viele von uns. Das erleben wir tagtäglich.

Und selbst wenn Ihr sagt: „Nein, ich leben nicht so.“ oder „Ich lasse mir doch nichts von der Werbung vorschreiben.“ oder „Ich lasse mich als Mensch nicht durch meinen Besitz definieren.“ Das würde ich so auch von mir behaupten… Aber ich muss doch zugeben, dass auch ich immer wieder in die Versuchung komme, meine immateriellen Sehnsüchte und Bedürfnisse durch rein materielle Dinge zu befriedigen. Und mir dann Dinge kaufe – bei mir ist es das gute Essen oder ein Buch – einfach, um mir etwas Gutes zu tun.

Aber stillt das wirklich unser Sehnen tief in uns? Geben uns Konsum und die Befriedigung materieller Wünsche wirklich Sicherheit und Anerkennung?

Das aktuelle Motto von „BROT FÜR DIE WELT“ lautet „ES IST GENUG FÜR ALLE DA! “ Bisher habe ich praktisch nur über Gier gesprochen. Man kann schon daran zweifeln, ob das Motto „Es ist genug für alle da“ so pauschal als Motto überhaupt richtig ist. Wenn wir in die Welt schauen, dann sieht es nicht gerade so aus, als wäre da genug für alle da:

– angesichts der Hungerkatastrophen in Haiti und Sudan;

– angesichts von Milliarden von Indern, Chinesen und Brasilianern, die auch alle ein Auto und einen Kühlschrank haben wollen;

– angesichts der ungeheuren Staatsverschuldung, mit der es sich heute zwar ganz gut leben lässt, die aber morgen vielleicht in die Katastrophe führt.

Da frage ich mich schon: „Ist wirklich genug da auf dieser Welt, dass bald neun Milliarden Menschen ernährt werden können?“

Ja, es ist genug da für alle – aber das konnten auch schon die Jünger Jesu nicht richtig glauben, als sie verzweifelt auf die große Menschenmenge geschaut hatten, die nach langer Predigt Jesu hungrig und durstig vor ihnen stand. Ihr kennt die Geschichte alle: 5.000 sollen es gewesen sein, für die selbst 200 Denare nicht ausgereicht hätten, so heißt es da. Mit Geld allein aber sind solche Probleme nicht zu lösen, damals wie heute nicht…

Jesus selbst hatte auch nichts in Händen, um die ‚hungrige Meute‘ zu füttern, aber er vertraute auf das, was da war. Er vertraute darauf, was Gott geschenkt hat.

In diesem Vertrauen auf Gott den Schöpfer, können unsere Herzen auch heute freier werden, unsere Hoffnungen wachsen. In diesem Glauben an Gott können wir Sicherheit und Anerkennung finden, werden unsere Sehnsüchte gestillt. Der Glaube an Gott stillt tatsächlich Sehnsüchte – das bestätigen auch neue Untersuchungen, das habe ich die Tage noch im „Handelsblatt“ gelesen. Dort stand: Wer religiös im Glauben gefestigt ist, der greift viel seltener zu Markenartikeln als andere Menschen. Die Wissenschaftler erklären sich das damit, dass Gläubige genug Selbstsicherheit und Anerkennung durch ihren Glauben an ihren Gott finden und dazu keine protzigen Sonnenbrillen oder Designer-Klamotten brauchen.

Und deshalb können und sollten wir es machen wie Jesus damals: im Vertrauen auf den Schöpfer begann er zu teilen, was da war, und das hat anscheinend viele angesteckt. Beim Teilen dessen, was da war, da stellte sich auf einmal heraus: „Es ist genug für alle da – ja es bleibt sogar noch etwas übrig!“

Heute wird weltweit doppelt so viel Nahrung produziert, wie die Weltbevölkerung  zum Leben braucht. Aber zugleich wird in Europa und Nordamerika mehr als die Hälfte der Nahrung einfach fortgeworfen, weggeschmissen!

Es ist genug für alle da – und auch wir haben mehr als genug. Und trotzdem wollen wir immer noch mehr haben, sollen wir immer noch mehr kaufen, immer noch mehr konsumieren!? Passt das zusammen? Ist unser Lebensstil richtig so? Mein Nachbar hat mir von einem Freund erzählt, dessen 70-qm-Garage zu klein geworden ist, weil Wohnmobil, Auto, Motorräder und Gartengeräte einfach nicht mehr reinpassen. Ist das ein Luxus-Problem oder ein Problem unseres Lebensstils?

In der Bibel steht es klar: Johannes der Täufer predigte: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.  (Lukas 3,11)

Diese Botschaft der Bibel, die Botschaft von Jesus und Johannes klingt für uns heute z.T. erst einmal ein wenig weltfremd. Und doch sollte sie uns trotzdem in unser Herz dringen, sollte sie trotzdem unseren Verstand erreichen und dann unser Gewissen ‚kitzeln‘! Damals ging es um die gerechte Verteilung von Reichtum; heute geht es auch um die nachhaltige Nutzung der Natur als Grundlagen allen Lebens auf der Erde. Gott, der Schöpfer, hat uns genug für alle gegeben, wenn nur nicht so viele Menschen immer noch  und noch mehr haben wollten.

Was schützt uns vor diesem „Immer mehr haben wollen“? Bestimmt keine theoretische Überlegung wie: „Ich will nicht habgierig sein!“ Auch kein Gebet „Herr, befreie mich von Geldliebe!“ Auch nicht die Zustimmung zu den Worten aus der Bibel zur Habgier: „Ja, stimmt, Habgier ist eine schlimme Sache!“

Das einzige was schützt, was hilft gegen das „Immer mehr Haben-Wollen“ ist – SELBST ZU GEBEN. Geben, Abgeben und Teilen allein befreit. Deshalb hat Gott das Geben zum Teil des Christenlebens gemacht.

Ein Beispiel dafür, ganz konkret wäre die Nutzung eines Handys. Und da etwas zu tun ist ganz einfach: Statt alle 24 Monate ein neues Handy beim Provider abzugreifen („Kostet ja nichts mit meinem Vertrag!“), beim nächsten Mal vielleicht ein Jahr lang länger das alte Handy benutzen. Damit sparen wir so viel… Energie, Ressourcen, Kosten, globaler Fußabdruck…..

Also: Bleibt wachsam. Nehmt euch in Acht! Hütet euch vor aller Habgier! Denn das Leben eines Menschen hängt nicht von seinem Wohlstand ab. – Es ist genug für alle da!

AMEN

(Pfarrer Ulrich T. Christenn von „Brot für die Welt“)

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