Predigt WonWay 17.05.14

von / Sonntag, 18 Mai 2014 / Veröffentlicht inPredigt

 


                                            

                                            

                                            

                                            

                                            

                                            

 

 

„DIE BIBEL ENTDECKEN – GOTTES WORT UND MENSCHENWORT“

 

vor etwa drei Jahren passierte in Indien etwas, was man sonst nur aus „Indiana-Jones“-Filmen kennt, aber es ist wirklich geschehen: Eine Familie besaß einen alten Tempel. Ihre Vorfahren waren königlicher Abstammung und hatten vor vielen hundert Jahren diesen Tempel gebaut. Doch inzwischen war die Familie verarmt. Sie hatten kein Geld, um den großen Tempel zu erhalten. Der Putz fiel von den Wänden. Reparaturen konnten nicht mehr durchgeführt werden. Alles verdreckte und verfiel. Der Familienrat tagte. Sie sagten sich: Dieser Tempel ist so alt, so runtergekommen – wir können den nicht mehr behalten. Also haben sie ihn an den Staat abgeben. Kaum war das Gebäude in staatlichem Besitz, wurde es genau untersucht. Tief unten im Keller fand man zwei Kammern, die seit 130 Jahren nicht mehr geöffnet worden waren. Als die Tür aufging und Licht in die Kammern fiel, kamen die Beamten aus dem Staunen nicht mehr heraus: Vor ihnen lagen Schätze von unvorstellbarem Wert: Goldmünzen, Diamanten, Smaragde und Rubine in riesigen Mengen! Auf über sieben Milliarden Euro wird der Wert des Schatzes geschätzt.

Ist das nicht eine tragische Ironie: Eine verarmte Familie besitzt einen unglaublichen Schatz und weiß es gar nicht! Dieser alte, häßliche, runtergekommene Tempel barg so immense Reichtümer, und sie ahnten nichts davon! Hätten sie sich doch nur einmal die Mühe gemacht und ihren Tempel genau angeschaut!

Das ist doch echt tragisch, oder?

Die Bibel ist wie dieser Tempel! Sie ist alt. Äußerlich gibt sie nicht viel her: ein dicker Schinken mit kleinen Buchstaben und ohne Bilder. stellenweise sehr mühsam zu lesen. Alte Begriffe, komische Sitten. Vieles scheint so verstaubt, so altertümlich, so uninteressant wie der alte Tempel.  Und darum legen viele Menschen nach dem ersten Blick die Bibel wieder ganz schnell beiseite. Da steht sie im Regal, verstaubt, und die Leute ahnen gar nicht, was für immense Schätz in diesem Buch stecken! Das ist das Paradox mit der Bibel:

ü  sie ist arm und sie ist reich.

ü  sie ist irdisch und himmlisch.

ü  sie ist schlichtes Papier und pures Gold.

ü  sie ist menschlich und göttlich.

ü  sie ist Menschenwort und Gotteswort.

Gotteswort und Menschenwort. Es ist von entscheidender Bedeutung, wie wir das „und“ verstehen! Man könnte zum Beispiel dieses „und“ als ein „teils – teils“ verstehen. Einige Teile der Bibel sind eben nur menschlich und andere Teile sind göttlich.

Nach diesem Verständnis ist die Bibel wie eine Nuss: Außen eine harte, wertlose Schale und innendrin der kostbare Kern. Die Schale an der Bibel – das wäre das bloß Menschliche. Das Zeitgebundene. Was für uns nicht mehr verbindlich ist. Die ist wertlos. Aber der Kern – das ist das Wesentliche, das echt Göttliche. Das, was wahr ist und gilt. In der Theologie geht man oft genau so vor. Da wird immer unterschieden: Diese Aussage hier, naja, da hat sich der Matthäus etwas ausgedacht. Oder hier – da war Paulus ganz Kind seiner Zeit. Das können wir vergessen. Aber dieser Satz oder jene Stelle – das ist das wahre Evangelium. Das ist von Gott. Als Bibelleser hätte man dann die Aufgabe, die Schale zu entfernen und den Kern zu suchen. Also ständig auf der Suche zu sein und zwischen den rein menschlichen Aussagen die wahrhaft göttlichen Gedanken zu entdecken.

 

Aber dieses Modell von Schale und Kern ist – pardon – totaler Murks.

Denn die Bibel ist nicht wie eine Nuss mit wertloser Schale und kostbarem Kern. Man kann sie eher mit einer Zwiebel vergleichen.

Wenn du bei einer Zwiebel den Kern suchst und eine Hautschicht nach der anderen abziehst, dann bleibt dir am Ende überhaupt nichts übrig.

Die Bibel ist wie so eine Zwiebel. Wenn du hier das reine göttliche Wort suchst und alles Menschliche abziehst, dann bleibt dir am Ende nichts.  Denn die Bibel ist NICHT teils menschlich, teils göttlich,

sondern sie ist GANZ Menschenwort UND GANZ Gotteswort.

Sie ist beides zu 100%!

 

DIESES BUCH IST ZU 100 % MENSCHLICH.
Jedes Wort wurde von Menschen aufgeschrieben. Von Menschen, die in einer ganz bestimmten historischen Situation gelebt haben, in einer bestimmten Kultur. Sie waren verwoben in die Sprache ihrer Zeit, in die Weltsicht, die Bilder und Symbole ihrer Zeit. Und das ist natürlich in die Bibel mit eingeflossen. Die Schreiber hatten ihren eigenen Sprachstil, waren begrenzt in ihren Ausdrucksmöglichkeiten, in ihren Kenntnissen natürlich auch. Das waren echte Menschen, echte Persönlichkeiten, die die Bibel geschrieben haben. Die Bibel ist 100% Menschenwort.

 

UND ZUGLEICH IST DIE BIBEL AUCH ZU  100 % GOTTES WORT.
Paulus beschreibt das so im 2. Brief an Timotheus: Er sagt: „Die ganze Schrift (und damit meint er die Bibel, die er damals hatte, also das AT) ist von Gott eingegeben.“ (2. Tim. 3, 16). Wörtlich heißt es da: Sie ist „gottgehaucht“. Gottes Hauch, Gottes Geist weht durch die Bibel. Und zwar durch die ganze Bibel. Darum ist die ganze Bibel Heilige Schrift. Und der Apostel Petrus schreibt im Blick auf die prophetischen Bücher der Bibel: „Getrieben vom heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.“ (2. Petr. 1, 21).

GOTTES HAUCH, GOTTES GEIST STECKT IN DER GANZEN BIBEL. Er hat die Schreiber der Bibel motiviert und inspiriert. Gottes Geist hat ihnen Erkenntnisse geschenkt, hat ihnen Bilder und Worte gegeben. Und darum ist das, was in der Bibel steht, von Gott gewirkt. Gott redet durch dieses Buch. Sie ist 100% Gotteswort. Ich will das mal veranschaulichen: Sehen wir uns das menschliche Gehirn an. Wir wissen, dass unser Geist, also unser Bewusstsein, unsere Seele, untrennbar mit diesem Gehirn verbunden sind. Das Gehirn ist 100% Materie. Da ist nicht irgendwo eine kleine Kammer drin, wo der Geist haust. Sondern es sind alles Zellen und Synapsen, milliardenfach. Alles materiell. Aber würdest Du die Materie wegschneiden, dann wäre der Geist auch weg. Der Geist ist untrennbar mit der Materie verbunden. Und die Materie mit dem Geist. So auch ist in der Bibel Gotteswort und Menschenwort untrennbar miteinander verbunden.
GOTTESWORT IST IM MENSCHENWORT.

Oder ich nehme mal einen mehr theologischen Vergleich. Der stammt von dem großen Theologen Karl Barth. Barth sagte: Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Er ist nicht halb Gott und halb Mensch, sondern ganz Gott und ganz Mensch. Alles an ihm ist göttlich und alles an ihm ist menschlich. Und so wie Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, so, sagt Barth, ist die Bibel wahres Gotteswort und wahres Menschenwort.

Und hier sehen wir einen Wesenszug Gottes. Gott geht ein in seine Schöpfung. Wir haben Gott nie in Reinform. Er ist immer nur verhüllt da in seiner Schöpfung. So war er persönlich in Jesus da in menschlicher Gestalt. Und so ist sein Wort in der Bibel da in menschlicher Gestalt. Ganz Gotteswort und ganz Menschenwort.

 

 

Wie können wir dann die Bibel lesen? Mit welcher Haltung? Mit welchem Verständnis? Ich würde die angemessene Haltung der Bibel gegenüber auf den Begriff „ H E D U “ bringen.

 

H steht für „HISTORISCH“.

Die Bibel ist ein historisches Buch. Gott hat in eine bestimmte geschichtliche Situation hineingesprochen. Und wenn Gott durch den Propheten sagt: Ich werde Pest und Cholera über dich bringen!, dann muss man natürlich nicht gleich zum Arzt rennen, sondern erst mal schauen: Wem sagt er das denn und in welcher Situation?

Die Bibel sollen wir nicht lesen wie ein Horoskop und auch nicht wie ein Poesiealbum. Es ist Gottes Wort, aber im Menschenwort. Hineingesprochen in eine bestimmte Zeit und Kultur. Und wenn wir die Bibel mit Gewinn lesen wollen, dann müssen wir uns ein bisschen Mühe machen, uns da hineindenken in die Situation, nachlesen, nachfragen und unseren Grips anstrengen.

 

E steht für „ERWARTUNGSVOLL“.

Die Bibel ist ein historisches Buch. Aber sie ist eben mehr als das. Mehr als nur menschlich. Gott redet da. Und er will auch zu dir reden. Lies die Bibel in dieser Erwartung. Betritt die Bibel wie den alten Tempel, in dem echte Schätze verborgen sind. Mach die Augen und das Herz weit auf! Du kannst beten mit dem Psalmbeter: Herr, öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder in deinem Gesetz! Öffne mir beim Lesen die Augen für dich, dass ich dein Wesen besser verstehe! Hilf mir bitte, wirklich dich zu hören! Wirklich etwas von dir zu empfangen! Ich habe das immer wieder erlebt. Da lese ich eine Stelle in der Bibel, denke darüber nach. Und plötzlich rührt mich da etwas an. Auf einmal sehe ich da mich selber wie in einem Spiegel. Sehe mich wie Gott mich sieht. Oder ich entdecke etwas von Gottes Wesen, was mir ganz neu ist. Oder Gott redet zu meinem Gewissen und macht mir etwas deutlich, was ich tun soll. Manchmal ist es so, dass mir eine Bibelstelle, die ich schon 20 mal gelesen habe, plötzlich aufleuchtet, wie so Digitalziffern, die immer schon da sind, die aber plötzlich leuchten. Und du merkst: Hier redet Gott zu dir. Hier flüstert er dir etwas durch seinen Geist zu.

 

Aber dafür ist das Dritte ganz wesentlich: D steht für „DEMÜTIG“.

Wir brauchen beim Bibellesen eine Haltung der Demut. Gott hat sich klein gemacht, in Jesus und auch in der Schrift. Und so wie man sich leicht über Jesus erheben konnte, ihn verspotten und misshandeln konnte, weil er echter Mensch war, so kann man sich auch über die Bibel erheben, sie verspotten und verachten, weil sie Menschenwort ist. Man kann sich erheben über historische Ungenauigkeiten, über Widersprüche und scheinbare oder echte Fehler. Es ist ja echtes Menschenwort. Aber wenn wir uns so über die Bibel stellen, wenn wir so tun, als könnten wir beurteilen, was daran richtig und falsch ist, was da gilt oder nicht gilt, dann machen wir uns selber zu Richtern. Dann werden wir ihre Schätze nicht mehr sehen. Dann werden wir Gottes Wort nicht mehr hören. Wir brauchen der Bibel gegenüber eine Haltung der Demut!  Eine Haltung, wo mir bewusst ist: Ich weiß nicht von mir aus, wer Gott ist und was er will! Ich will die Bibel lesen als einer, der lernen möchte und nicht schon alles besser weiß. Ich kann und will nicht über die Bibel richten und beurteilen, sondern vielmehr mich selbst von der Bibel beurteilen lassen.
Jemand sagte mal: Wir sollten die Bibel nicht europäisch, sondern chinesisch lesen:
> Europäer lesen so: von links nach rechts, also auch die Kopf-Bewegung von links nach rechts.

> Chinesen lesen so: von oben nach unten, also auch die Kopf-Bewegung von oben nach unten
Also: BEJAHEND UND DEMÜTIG DIE BIBEL LESEN!

 

H, E, D. Und nun schließlich das U. U steht für „UNABLÄSSIG“. Lies unablässig. Höre nicht auf! Manchmal ist das Bibellesen trocken. Man entdeckt nicht immer die großen Schätze. Man hört nicht immer Gottes Reden. Aber höre nicht auf! Lege sie nicht beiseite, sondern bleibe dran! Und wenn du mit einem Buch der Bibel gerade nicht klar kommst, dann lies ein anderes. Luther hat mal gesagt, man soll durch die Heilige Schrift gehen wie durch einen Garten mit Obstbäumen. Er sagt: Ich rüttel an der Stelle, die ich gerade lese und schau, ob was herunterfällt. Und wenn nichts kommt, dann geh ich weiter zur nächsten Stelle.

Ich hoffe, dass Ihr bei eurer Beschäftigung mit der Bibel immer wieder etwas Neues für euch persönlichen entdecken werdet.

Ich hoffe, dass viele von Euch dabei „Blut lecken“ und Lust auf mehr bekommen, selber in der Bibel zu lesen. Und dass Ihr für Euch einen Weg findet, das auch weiterzuführen!! Bitte, bleibt dran! Und lest unablässig! Vielleicht jeden Tag nur 15 Minuten – das hat sich für sehr viele Menschen als sehr fruchtbar erwiesen. Der große Bibelausleger Charles Haddon Spurgeon hat einmal einen schönen Satz gesagt, mit dem schließe ich. Da macht er deutlich, dass man mit der Bibel nie fertig ist, sie nie ausgeschöpft hat. Er sagte: „Ich habe die Schrift wohl über 100 Mal gelesen in meinem Leben und es ist mir, als ob ich gerade den äußersten Saum des Gewandes Gottes berührt habe.“ Amen.

OBEN
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