WonWay Predigt: Glaube & Zweifel

von / Montag, 01 Februar 2016 / Veröffentlicht inPredigt

I Doubting sucks

„Es schmerzt ohne Unterlass. Ich habe keinen Glauben. Man erzählt mir, dass Gott mich liebt, jedoch ist die Realität von Dunkelheit und Kälte und Leere so überwältigend, dass nichts davon meine Seele berührt.“

„Es heißt, dass Menschen in der Hölle ewige Qualen erleiden, weil sie Gott verloren haben. In meiner Seele empfinde ich diese schreckliche Qual des Verlustes: dass Gott mich nicht braucht, dass Gott nicht Gott ist, dass Gott gar nicht existiert.“

»Wenn es (aber) keinen Gott gibt – kann es auch keine Seele geben. – Wenn es keine Seele gibt, dann, Jesus – bist auch Du nicht wahr. – Der Himmel, welche Leere.«

Diejenige, die diese Sätze in ihr Tagebuch geschrieben hat, steht heute wie keine andere für eine radikale Jesus-Nachfolge: Die Rede ist von Mutter Teresa von Kalkutta.

Mutter Teresa hat in ihrem Leben unglaubliches geleistet. Mit Mitte 20 geht sie als Ordensschwester nach Indien. Dort lässt sie das Elend und die Armut der Menschen nicht mehr los. Sie fühlt sich von Gott dazu berufen, den Ärmsten der Armen zu helfen. Deshalb gründet sie einen neuen Orden, der mitten in den Slums lebt und sich besonders um Leprakranke und Sterbende kümmert.
Mutter Teresas Orden wird immer größer, heute gibt es Ableger auf der ganzen Welt.

Ihre radikale Nächstenliebe beeindruckt viele so sehr, dass manche sie die „größte christliche Gestalt unserer Zeit“ nennen. Schließlich bekommt sie sogar den Friedensnobelpreis.
Dieses Jahr wird sie heiliggesprochen werden.
Eine Glaubensheldin, eine Heilige also. So könnte man zumindest meinen.

Aber in ihr drin sieht es lange Zeit ihres Lebens ganz anders aus. Mutter Theresa kämpfte fast ihr ganzes Leben lang mit heftigsten Glaubenszweifeln und einem abwesenden Gott. Auch wenn sie von außen betrachtet wie eine Glaubensheldin wirkte. Auch wenn sie so vielen Menschen im Namen Gottes half.

Sie schreibt einmal in ihr Tagebuch:

„Wenn ich meinen Mund aufmache, um zu den Schwestern und den Menschen von Gott und Gottes Werk zu sprechen, gibt es ihnen Licht, Freude und Mut. Doch ich selbst bekomme nichts davon. In mir ist alles dunkel und ein Gefühl, dass ich von Gott total abgeschnitten bin.“

Eine Heilige mit Zweifeln. Eine Heilige, die in ihr Tagebuch schreibt „Ich habe keinen Glauben mehr“- und die trotzdem wie kaum eine andere radikale Jesus- Nachfolge lebt.

Wie passt das zusammen? Glaube und Zweifel – Heilig sein, Jesus nachfolgen und so tief an Gott zweifeln – geht das zusammen?

Ich hab ganz lange gedacht, dass Glauben und Zweifeln nicht zusammen geht.

Als ich so 16/17 war, hab ich beim Glaubensbekenntnis im Gottesdienst immer das „Ich glaube“ unterschlagen. Den Rest hab ich dann mitgesprochen, damit es nicht so auffällt. Aber ich wollte nichts bekennen müssen, wo ich damals z.T. unglaubliche Zweifel hatte, ob es stimmt.

Ich habe damals gedacht, Glauben funktioniert so: Zweifel ↔ Glaube

Ich habe gedacht, wenn ich wirklich so richtig glaube, dann zweifle ich nicht und ringe auch nicht ständig innerlich mit Gott. Ich dachte, Glauben heißt unerschütterliche Gewissheit zu haben.
Gläubige Menschen waren für mich diejenigen, die anscheinend ständig Gottes Nähe spürten, nie ins Fragen über den Glauben kamen und am besten jeden einzelnen Satz des Glaubensbekenntnisses
hintereinander abhaken konnten.

Aber mal ganz ehrlich – woher weiß ich denn, dass es wirklich einen Gott gibt?
Und das der dann auch noch allmächtig sein soll – bei dem Leid in der Welt?
Dann diese ganzen Sachen mit Jesus – woher weiß ich denn, dass der wirklich Gott war?
Das können sich die Jünger doch auch ausgedacht haben.
Und Auferstehung… wer glaubt heute noch dran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt?

Und überhaupt: Wenns Gott gibt – wo begegnet der mir dann? Und wenn er mir eben nicht begegnet?

Diese ganzen Fragen haben mich damals nicht losgelassen.
Und sowas kann ganz schön quälen. Ganz egal, ob man schon lange im Glauben verwurzelt ist und auf einmal kommen solche Zweifel – oder ob man sich gerade erst auf die Suche gemacht hat nach Gott.

Also: Glaube und Zweifel – wie passt das zusammen? Kann man auch mit Zweifeln eine Heilige werden? Oder schließen sich Glaube und Zweifel wirklich aus?

II Mustard Seed sized Faith

Wenn wir in die Bibel zum Thema Zweifel schauen, kann das erstmal überraschen:
Die ganze Bibel ist voll von Leuten, die an Gott und seiner Güte zweifeln.

Sogar die Jünger Jesu waren keine Glaubenshelden. Obwohl sie Jesus drei Jahre lang live erlebt haben. Wenn wir zweifeln, sind wir also in guter Gesellschaft.

Weil ihr eigener Glaube so schwach ist. bitten die Jünger Jesus deshalb auch einmal (Lk 17):

Eines Tages sagten die Apostel zum Herrn: »Stärke unseren Glauben.«

Und Jesus gibt darauf eine etwas irritierende Antwort:
»Wenn euer Glaube nur so klein wäre wie ein Senfkorn«, antwortete der Herr, »könntet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum sagen: `Du sollst dich entwurzeln und ins Meer werfen´, und er würde euch gehorchen!

An anderer Stelle sagt Jesus zu ihnen auch:

Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.

Das ist schon ‘ne krasse Aussage. Das Senfkorn war damals der kleinste Samen, den es in Israel gab. Winziger geht also nicht. So sieht ein Senfkorn aus, wie man es hier in Deutschland bekommt (zeigen). Das ist schon ziemlich klein…
Die israelischen Senfkörner sind aber sogar noch kleiner als unsere. Sie sehen mehr wie Sandkörnchen aus: weniger als 1mm im Durchmesser!

Jesus behauptet jetzt, wenn die Jünger nur so ein Mini-Körnchen Glauben hätten, könnten sie Berge versetzen und Bäume ausreißen.

Ich habe mich nach dem Lesen dieser Verse lange Zeit noch schlechter mit meinen Zweifeln gefühlt als vorher. Ich hab diese Verse nämlich immer so verstanden:

Wenn du nur Glauben hättest wie ein Senfkorn, dann wäre dir nichts unmöglich. Dann könntest du sogar Wunder tun, Bäume ausreißen und Berge versetzen.

Aber jeder kann sehen, dass ich keine Wunder vollbringe. Und ich schmeiße auch keine Bäume nur mit der Kraft meines Glaubens in die Mosel. Berge versetze ich schon dreimal nicht.

Also habe ich jetzt nicht mal mehr einen Glauben von der Größe eines Senfkorns…? Ich hab mir dann überlegt, wie groß mein Glaube dann ist, wenn es nicht mal für ein Senfkorn reicht. Vielleicht so groß wie ein Atom? Na danke, Jesus, das war jetzt alles andere als glaubensstärkend…
Mir ist erst Jahre später aufgefallen, dass ich den Text vielleicht falsch verstanden habe.
Wenn man ins Original reinschaut, steht der Satz nämlich in einer ganz besonderen grammatischen Konstruktion, die wir im deutschen gar nicht richtig übersetzen können.

Im Griechischen gibt es nämlich „Wenn-Sätze“, mit denen gesagt wird, dass etwas schon in der Gegenwart beginnt und dann Auswirkungen auf die Zukunft hat.

Eine Möglichkeit zu übersetzen wäre deshalb nicht „Wenn ihr nur Glauben hättet wie ein Senfkorn…“ (= habt ihr aber jetzt gerade nicht…) sondern „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn“ (und ihr tut es schon jetzt!).

Jesus wirft den Jüngern also gerade nicht vor, dass ihr Glaube nicht mal für ein Senfkorn reicht.
Er bestätigt ihnen vielmehr, dass sie schon längst genug Glauben haben. Für Jesus reicht so ein Mini-Senfkorn Glauben aus!
Die Jünger bitten Jesus also, ihren Glauben stärker zu machen, und Jesus sagt ihnen: Euer kleiner, zweifelnder Glaube ist genug für mich. Damit kann ich arbeiten. Ihr braucht keinen starken Glauben um mir nachzufolgen, ich nehme euch so wie ihr seid!

Jesus will die Jünger damit auf das große Geheimnis des Glaubens aufmerksam machen.
Glaube ist nämlich nichts, was man messen kann, vergrössern oder verkleinern. Beim Glauben kommt es nicht auf die Glaubensgröße drauf an. Glaube ist auch nicht zuallererst das Abhaken des Glaubensbekenntnisses. Glaube ist eine Beziehung.

Und in dieser Beziehung haben Zweifel und inneres Ringen und Glaubenskrisen genauso viel Platz wie Glaubensgewissheit und Freude am Glauben.

Die Jünger von Jesus haben diese Beziehung, als sie Jesus um einen stärkeren Glauben bitten.
Und deshalb kann Jesus ihnen zusprechen: Mehr braucht ihr nicht, denn ihr kommt mit eurem schwachen Glauben zu mir. Das reicht.

Wie sieht das aber jetzt genau aus – in Zweifeln Beziehung zu Jesus zu haben?

Jesus nur mit einem Senfkorn Glauben nachfolgen?

III Winter- und Sommerchristen

Mir hat dabei mal folgendes geholfen: Die Unterscheidung in Winter- und Sommerchristen.

(Copyright Richard Beck)

Dieses Modell geht davon aus, dass es zwei „Beziehungsstile“ gibt, wie man Beziehung zu Gott leben kann. Eben die Sommer- und die Winterchristen.

Ein Sommerchrist ist jemand, der wirklich nur sehr wenig bis gar nicht zweifelt. Er oder sie hat gleichzeitig eine tiefere innere Verbundenheit mit Gott, spürt oft und leicht seine Nähe.
Ein Sommerchrist wäre bei diesem Glaubensdiagramm also hier oben links.
Sommerchrist, weil solche Menschen oft leichter glauben können, ihr Glaube hat eher eine „hellere“ Seite.

Und dann gibt es noch die Winterchristen. Von denen habe ich jetzt die meiste Zeit geredet. Winterchristen sind Menschen, die sich mit dem Glauben nicht ganz so leicht tun. Sie haben oft tiefe Glaubenszweifel, ringen oft innerlich mit Gott.

Jemand hat mal gesagt, dass Winterchristen „persons of two questions“ sind. Wenn sie eine Antwort auf eine Glaubensfrage finden, dann geben sie sich nicht damit zufrieden, sondern fragen sofort weiter:
„Warum gibt es so viel Leid auf der Welt?-Wegen des freien Willens des Menschen.
– Aber warum hat Gott den Menschen dann den freien Willen gegeben?
– -Weil…- Aber warum…“

Winterchrist, weil sie oft eher die „dunklere“ Seite des Glaubens erleben.

Das Besondere an Winterchristen ist, dass sie trotz dieser vielen Fragen eine tiefe Verbundenheit mit Gott haben (s. Graphik). Sie brechen nämlich die Kommunikation mit Gott trotz großer Zweifel nicht ab. Sie krallen sich trotz ihrer Fragen an Gott fest und werfen ihm ihre Zweifel vor die Füße.
Sie laden Gott in ihre Zweifel mit ein und zweifeln sozusagen nicht gegen Gott, sondern mit Gott.
Winterchristen haben gemerkt, dass es im Glauben, wie in jeder Beziehung, oft einfach auf Treue ankommt.

Wenn wir uns den Rest der Graphik anschauen, gibt es noch die Skeptiker und die Desinteressierten. Die Skeptiker haben viele kritische Anfragen an den Glauben, aber bleiben zu Gott auf sicherer Distanz. Und die Desinteressierten haben weder große Fragen an den Glauben noch fühlen sie sich irgendwie verbunden mit Gott.

Das Entscheidende ist also die Beziehung, nicht die Intensität der Zweifel.

Mich hat dieses Glaubensmodell total erleichtert. Denn wenn Glaube nicht so funktioniert (Glaube ↔ Zweifel) sondern so, dann gehen Christsein und Zweifel zusammen.

Dann musst du vor deinen Zweifeln keine Angst haben. Dann musst du Zweifel nicht verdrängen, dich nicht frömmer stellen als du bist, aus Angst, dann nicht mehr dazuzugehören.
Und dann darfst du mit Gott auch mal im Clinch liegen, kritische Fragen offen stellen – und kannst trotz allem in einer Beziehung mit Gott bleiben. Dann hat Jesus recht, und ein Senfkorn an Glauben ist mehr als genug.

Und dann darfst du Gott in deine eigenen Fragen und Zweifel einladen und hoffen, dass er auch da zu finden ist.

Deshalb ist es auch richtig, dass Mutter Teresa dieses Jahr heiliggesprochen wird. Mit ihren ganzen tiefen Zweifeln und dem Gefühl der Abwesenheit Gottes. Aber auch mit ihrer radikalen Nächstenliebe und Jesusnachfolge. Denn Mutter Teresa ist ein Beispiel für einen Menschen, der auch in tiefsten Zweifeln die Beziehung zu Jesus gelebt hat.
Heilig sein und nur einen Glauben so groß wie ein Senfkorn haben – das geht also zusammen!

Ich würde euch am Ende gerne einen Zuspruch mitgeben.
Gleich gibt’s während des Worships wieder eine Stationenzeit. An einer Station könnt ihr euch so ein kleines Senfkorn mitnehmen.

Und wenn euch im Leben mal die Zweifel packen, dann könnt ihr dieses Senfkorn nehmen und euch zusprechen lassen: Dein kleiner Glaube ist genug! Vielleicht bist du einfach nur ein Winterchrist.

Und gleichzeitig soll dieses Senfkorn eine Ermutigung sein, keine Angst vor Zweifeln zu haben.
Sondern dass du auch in Zweifeln in einer Beziehung mit Gott bleiben kannst.
Und am Ende mit einem Senfkorn an Glauben sogar heilig werden kannst, so wie Mutter Teresa. Amen

OBEN
n/a